„FLEISCH“ – Eine kultur- und herrschaftskritische Dekonstruktion:

39 Kilo Schwein, gut 11 Kilo Geflügel und knapp 9 Kilo Rind vertilgten die deutschen pro Kopf bzw. pro Karnivore im letzten Jahr durchschnittlich. Um diese enormen Massen an Fleisch zu produzieren, wurden zum Bsp. im Jahr 2008 laut statistischem Bundesamt in Deutschland rund 400 Millionen Tiere geschlachtet. Das sind mehr als 1 Million Tiere pro Tag, 13 Individuen, die pro Sekunde getötet werden.

Obwohl es inzwischen Konsens zu sein scheint, dass Massentierhaltung eigentlich nicht vertretbar ist, kommen de facto rund 98 % aus genau dieser: der Massentierhaltung. Nur durch schnellst mögliche Zucht auf geringstem Raum bleibt gewährleistet, dass der durchschnittliche Fleischesser in seinem Leben 945 Hühner, 46 Schweine und vier Rinder verspeisen kann. Der enorme Fleischkonsum gerät immer mehr in die Kritik.

Diese Kritik kommt allerdings nicht nur von Seiten verschiedener Tierrechtsorganisationen, sondern ist immer mehr Teil des öffentlichen medialen Diskurses.
So erschienen zu diesem Thema vor kurzem große Artikel in der Zeit, in der Süddeutschen Zeitung und im Spiegel. Selbst eine der letzten Ausgaben des Sterns titelt: „Esst weniger Fleisch!“
Im dazugehörigen Artikel heißt es: Zitat: „Wir züchten, mästen, schlachten und stopfen wie nie zuvor.“ Zitat Ende.

Dabei bleiben jedoch nicht nur die Tiere auf der Strecke. Die Intensivtierhaltung – ein beschönigender Begriff mit katatstrophalen Folgen für Umwelt, Klima, Lebewesen. Und zwar nicht nur für die, die auf den Tellern landen.
Der Viehbestand beansprucht ein Viertel der Kontinente und inzwischen zeigt sich, dass der Witz mit dem klimakaputt-pupsenden Kühen leider keiner ist. Je nach Studie sind 18 bis sogar 51 % der weltweiten Treibhausemissionen auf die Tierhaltung zurückzuführen. In jedem Fall produziert die Tierzucht deutlich mehr CO 2 – Emissionen als der gesamte weltweite Verkehr. Zudem werden allein durch die intensive Schweinezucht in Deutschland doppelt so viele Abwässer erzeugt als durch die Bevölkerung.
Um genügend Futtermittel anbauen zu können, werden unglaubliche Ressourcen verschwendet: Land, Wasser und Energie. Diese Liste ließe sich beliebig weiterführen, Argumente gegen übermäßigen Fleischkonsum und Massentierhaltung finden sich viele.

Nur einmal die Woche Fleisch aus so genannter artgerechter Haltung aus der Region und bitteschön Bio – für viele ist das ein guter Kompromiss, für die Tierbefreiungsbewegung hingegen schlichtweg unakzeptabel.

Die Erkenntnisse gegenwärtiger Forschung in den Naturwissenschaften, insbesondere der Evolutionsbiologie und der neurobiologischen Forschung legen nahe, dass eine klare Grenzziehung zwischen Mensch und Tier nicht möglich ist. So ist zum Bsp. der Schimpanse mit dem Menschen viel näher verwandt als mit dem Gorilla und die Übereinstimmung des menschlichen Genoms mit dem eines Schweins liegt bei über 90%.

Säugetiere wie Rinder, Schweine und Schafe, aber auch Vögel wie Hühner, Enten und Gänse verfügen über ein komplexes Zentralnervensystem, können Schmerzen und Emotionen empfinden und diese Gefühle bewusst wahr nehmen. Die in den Kognitionswissenschaften festgelegten Kriterien für Bewusstsein werden von einer Vielzahl an Tieren erfüllt. Verhaltensbiologische und ethologische Studien haben gezeigt, dass Tiere eine bewusste Wahrnehmung aufweisen, dass sie in der Lage sind zu lernen und bestimmte Sachverhalte zu verstehen, sie zeigen soziale Kompetenz, Mitgefühl, Intentionalität, Kommunikation und Spiel. Mit anderen Worten, eine Vielzahl von Tieren zeigt all jene Attribute, die bislang als Trennungsmerkmale zwischen Mensch und Tier galten.

Die eklatante Kluft zwischen diesen Erkenntnissen und den realen Verhältnissen, in denen Tiere in unserer Gesellschaft gefangen gehalten werden, leiden und sterben müssen, beruht folglich auf einem wissenschaftlich nicht mehr haltbaren Dualismus. Dessen fortwährende Verfestigung hat in der Moderne schließlich zu einer Tötungsindustrie mit unfassbaren Ausmaßen geführt.

Unabhängig von diesen naturwissenschaftlichen Aspekten wird gerne argumentiert, der Mensch habe ja schon immer Fleisch gegessen bzw. sei von „Natur aus“ ein Fleischfresser.
Dazu ist anzumerken, dass der Mensch mit einem enorm anpassungsfähigen Potential ausgestattet ist. In der Cambridge Encyclopedia of Human Evolution wird der Homo Sapiens als flexibler Breitenspektrumsesser oder Vielfaltsesser bezeichnet. Folglich ist der Mensch sowohl fähig tierliche Nahrung als auch pflanzliche Nahrung adäquat zu verstoffwechseln. Angesichts einer Vielfalt unterschiedlichster Ernährungsgewohnheiten weltweit ist es also bedeutungslos, ob der Mensch natürlicherweise eher fleischfressend oder pflanzenfressend ist.

Anthropologischen Studien zufolge konsumierten die meisten Völker der Vorgeschichte Fleisch von Tieren – unklar ist, in welcher Menge. Den größten Anteil ihrer Ernährung machten wohl pflanzliche Lebensmittel aus. So gesehen hat der Mensch eine überwiegend vegetarische Vergangenheit.
Für das Mittelalter kann bezüglich vieler schriftlicher Überlieferungen zwar davon ausgegangen werden, dass Fleisch ein hohes Ansehen genoss. Der Konsum beschränkte sich jedoch auch hier im Vergleich zu pflanzlicher Nahrung auf ein Minimum.
Erst im 20. Jahrhundert erreichte der Fleischkonsum infolge der immer stärkeren Industrialisierung und Technisierung seinen vorläufigen Höhepunkt. Die Produktion immer größerer Mengen Fleisch verschlingt dabei auch immer mehr natürliche Ressourcen:
Für ein Kilo Fleisch werden 10 Kilo Pflanzennahrung und 4800 Liter Wasser verbraucht. Mit der Verschwendung von Wasser und Getreide geht auch ein Verbrauch von riesigen Landflächen einher: Flächen, die für Futtermittelanbau und als Weideland beansprucht werden und damit der einheimischen Bevölkerung für ihre eigene Grundversorgung fehlen. Die Folgen dieses Flächenverbrauchs sind Vertreibung, Enteignung und die Rodung von Urwäldern.

Auf medizinischer Ebene lässt sich feststellen, dass zahlreiche Krankheiten in direktem Zusammenhang stehen mit übermäßigem Konsum tierischer Produkte. Dazu zählen unter anderem Darm- und Lungenkrebs, Herzkreislauferkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes, Gallensteine, Nieren- und Darmerkrankungen. Die daraus entstehende Belastung für das Gesundheitssystem ist offensichtlich.

Dem häufig genannten Vorurteil, eine vegane Lebensweise sei nur für gesunde Erwachsene praktizierbar, widerspricht die American Dietic Association. Diese Vereinigung amerikanischer Ernährunsgwissenschaftler_innen hat gemeinsam mit der entsprechenden kanadischen Vereinigung ein Positionspapier zur vegetarischen Ernährung veröffentlicht. Darin wird festgestellt, dass – Zitat „eine gut geplante vegane oder andere Art der vegetarischen Ernährung (…) für jede Lebensphase geeignet ist, inklusive Schwangerschaft, Stillzeit, Kindheit und Pubertät.“ Zitat Ende.

Im Vordergrund aber steht die grundsätzliche Kritik an der Selbstverständlichkeit, mit der Menschen eine Willkürherrschaft über nicht-menschliche Tiere ausüben. Die großen Schritte in diesem Verhältnis sind, wie Charles Patterson schreibt, „die Domestizierung von Haustieren, ihre Abrichtung zu willenlosen Arbeitssklaven, der allmähliche Übergang zu Massenzucht und Massentierhaltung, das industrielle Töten am Fließband und in Schlachtfabriken.

Diese Schritte folgen einer niemals unterbrochenen Linie und Logik. Mit dem Verzicht auf Fleisch, mit der Entscheidung vegan zu leben und mit der Ablehnung speziesistischen Denkens kann diese Linie durchbrochen werden.