Kritik der speziesistischen Ideologie
Von Andre Gamerschlag

Unsere gesellschaftlichen Wissensbestände über „Tiere“ sind durchzogen von Verallgemeinerungen und Vorurteilen. Diese werden immer dann sichtbar, wenn eine allgemeine Aussage über „Tiere“ getroffen wird. Denn Aussagen über Tiere verallgemeinern alle Spezies. Dabei können Würmer wohl kaum mit Menschenaffen gleichgesetzt werden. Das Vorurteil, dass Tiere nicht intelligent seien, impliziert jedoch gleiche kognitive Fähigkeiten bei allen Spezies. Außerdem suggeriert es, dass Menschen demgegenüber Intelligenz besitzen. Richtig ist, dass zumindest die meisten anderen Spezies geringer ausgebildete kognitive Fähigkeiten – zumindest in ihrer Gesamtheit – als Menschen besitzen. Es wird jedoch übersehen, dass der Unterschied zwischen Würmern und Menschenaffen größer ist als der zwischen Menschen und anderen Menschenaffen. Außerdem wird nicht beachtet, dass geringere Fähigkeiten nicht bedeuten, dass sie gar keine besitzen. Bei einer Betrachtungsweise, die nur „intelligent“ oder „nicht intelligent“ wahrnimmt, werden nichtmenschliche Tiere als nicht intelligent angesehen, da Intelligenz als Ideal so definiert ist, dass es nur auf Menschen zutrifft. Diese Definition zeigt eine dualistische Denkweise, bei der eine Skala durch zwei Extrempole ersetzt wird. Ohne die ideologische Verzerrung müsste man die Differenzen innerhalb des Typus Tiere erkennen. Der Extrempol „nicht intelligentes Tier“ findet sich in der Wirklichkeit eben nicht wieder. Ebenso verhält es sich mit anderen moralischen Kriterien wie zum Beispiel Leidensfähigkeit, Autonomie oder der Fähigkeit, ein Interesse zu haben. Denn wahrheitsgemäßer müsste man davon sprechen, dass andere Spezies in den meisten Fällen zwar geringer ausgebildete kognitive Fähigkeiten als Menschen besitzen, jedoch existieren sie und das in unterschiedlicher Ausprägung. Die Sprache stellt erst mit dem ungenauen Begriff „Tier“ die Möglichkeit bereit, verschiedenste Spezies zu verallgemeinern. Ein weiterer ideologischer Aspekt ist, dass impliziert wird, Menschen wären keine Tiere. Dabei sind Menschen, ebenso wie das Schwein, das für ein Schnitzel starb, bekanntlich auch nur (Säuge-)Tiere. Wir werden unter anderem durch diesen Begriff, und die Verwendung als Gegenstück zum Menschen, dazu angeleitet, so sehr zwischen Mensch und Tier zu unterscheiden. Und dadurch stellen wir verschiedenste Spezies so oft auf eine Stufe, anstatt von einer Artenvielfalt auszugehen, welche den Menschen mit einschließt. Hier werden die Wechselwirkungen zwischen Sprache und Denken sichtbar. Entsprechend dem gedanklichen und sprachlichen Dualismus zwischen Mensch und Tier verhält es sich auch beim Dualismus „intelligent“ und „nicht intelligent“. Auch hier führt die Ungenauigkeit der Sprache zu einer verallgemeinernden Aussage, indem sie einen direkten Gegensatz unterstellt, wo eine Differenziertheit besteht. Sprache führt während der Sozialisation auf der anderen Seite wieder zur Verinnerlichung von dualistischen – und daher unscharfen – Typen, welche darüber reproduziert werden.
Der speziesistische Blickwinkel nimmt selektiv eher die Eindrücke auf, die „Tieren“ die Intelligenz absprechen können. Zumindest soweit, dass ihre Ausbeutung legitimiert werden kann. Diese Betrachtungsweise wurde uns mit der Sozialisation mitgegeben. Der Tunnelblick auf das eigene Interesse – nichtmenschliche Tiere ausbeuten zu können – verbunden mit Halbwahrheit, welche gesellschaftlich zu Axiomen erklärt wurden, sind Ursache des Wahrnehmungs- und Interpretationsschemas.
Der gesellschaftliche Ursprung des Ideologems vom „unintelligenten Tier“ dürfte den meisten, die dieses Bild im Kopf haben, wohl kaum bekannt sein. Es beruht nämlich nicht in erster Linie auf eigenen Erfahrungen, sondern wurde durch den gesellschaftlichen Wissensbestand über die Sozialisation verinnerlicht. Das Ideologem ist nicht neu, sondern besteht seit mindestens zweieinhalbtausend Jahren im abendländischen Denken. [6] Es entstand durch Vorurteile oder Ideenkomplexe, die von antiken Philosophien und christlichen Glaubensvorstellungen weiter verwischt und verfestigt wurden. Der bereits kritisierte Mensch-Tier-Dualismus wurde in der Antike von Philosophen wie Aristoteles geprägt. Aristoteles stellte sich eine Welt vor, die für den „zivilisierten“ (attischen) Mann geschaffen wurde. Der Mann stand im Mittelpunkt der Welt; Frauen, „barbarische“ Völker und nichtmenschliche Tiere – welche er mehr als Dinge ansah – sind da, weil sie vom Mann gebraucht werden (Weib, Sklaven, Vieh). Dieser Glaubensartikel und Konzepte mit ähnlichem Tenor verfestigten das dualistische Tier-Bild und wurden durch spätere religiöse Vorstellungen verstärkt. Augustin, Thomas von Aquin und die Scholastiker synthetisieren antike Anschauungen mit ihrer christlichen und verfestigen die Verblendungen, die noch heute nachwirken.
Die gesellschaftliche Entwicklung der heutigen speziesistischen Verblendungen zieht sich, mit einigen Ausnahmen, weiter durch die gesamte Neuzeit. Spätestens seit Geburt der industriellen Tötung und Verwertung nichtmenschlicher Tiere sowie dem Ausbau von Kommunikation und Medien, können die Profiteure von Tiermord selber Ideologeme in die Gesellschaft streuen. Da wären das „glückliche Huhn“ und die „glückliche Kuh“ zu nennen. Diese Tiere, so wird suggeriert, erfreuen sich ihres Lebens und dürfen daher, wenn sie „alt“ sind, getötet und konsumiert werden. Sie waren vorher ja zufrieden. Dabei wird aber übersehen, dass 50% der Hühner kein langes Leben hatten, denn sie wurden aufgrund ihres Geschlechtes nach einem Tag vergast. [7] Diese Tatsache wird vom Ausdruck „glückliches Huhn“ ebenso überdeckt wie die Gefangenschaft der Tiere, Praktiken wie Zwangsschwängerung (bei der „glücklichen Kuh“) oder die Trennung von ihren Nachkommen und das unabwendbare Ende der Tötung. Eine noch stärkere Verzerrung ist der Umstand, dass glückliche Lebewesen irgendwann getötet werden dürfen. Für diese Aussage bietet die speziesistische Ideologie auch oftmals keine genauere Erklärung. Daher ist es als ein Axiom des heutigen Speziesismus zu betrachten. Es ist eine Grundannahme vieler SpeziesistInnnen, dass nichtmenschliche Tiere nach einer gewissen Zeit des „Glücks“ für den kurzen Gaumenkitzel getötet werden dürfen. Sie wird nicht hinterfragt und bedarf daher für speziesistisch Denkende keiner weiteren Begründung. Diese verselbstständigten Ideen wurden unkritisch als wahr aufgenommen und tief verinnerlicht. Sie entstammen also weniger der eigenen reflektierten Erfahrung.
Speziesismus lässt sich mit der eigenen Standortgebundenheit und Interessenlage begründen. Unser Standort ist bestimmt von einer hegemonialen speziesistischen Grundhaltung, von einer Normalität des Konsumierens getöteter nichtmenschlicher Tiere und der Unterwerfung ihrer Interessen unter die menschlichen. Unsere damit verbundene Interessenlage ist, wie wir es gewohnt sind, Leichenteile anderer Spezies, sowie deren Drüsensekrete und Menstruationsprodukte konsumieren zu können. Ferner dürfen wir sie bejagen, wenn sie stören, sie einsperren, um uns daran zu erfreuen oder sie vertreiben, um ihren Lebensraum zu rauben. Unser Interesse an diesen Vorzügen und die Normalität dieser Praktiken an einem beliebigen Standort in der Gesellschaft führen mit zu unserer verzerrten Sicht. Letztlich sind die Verblendungen des Speziesismus ein Mittel zur Legitimation und Reproduktion des menschlichen Herrschaftsverhältnisses über andere Tiere. Um über die massenhafte lebenslange Gefangenschaft mit all den lebensverachtenden Praktiken der heutigen speziesistischen Industrie und die darauf folgende Tötung, die Zerstörung der Lebensressourcen „wilder Tiere“ und alle anderen Formen der Tierausbeutung und Unterdrückung zu rechtfertigen, um zu begründen, wieso andere Tiere für den Geschmack gequält und getötet werden dürfen, bedarf es einer tief verankerten Ideologie, die von den wirklichen Tatsachen ablenkt. Sie muss die Gewalt gegen nichtmenschliche Tiere verschleiern. Dies wird über verschiedene Wege erreicht. Einerseits werden die Orte der Ausbeutung aus der Sichtweise der Menschen verlegt. Andererseits können somit bewusst und unbewusst falsche Vorstellungen als Wahrheiten verkauft werden (das „glückliche Huhn“). Zusätzlich wird dies durch die Entwertung nichtmenschlicher Tiere erreicht. Wenn „Tiere“ keinen „Wert“ als Lebewesen besitzen, dann wird auch kein Grund gesehen, sie vor Gewalt zu schützen. Eins dieser zu Wissensgrundsätzen aufgeschwungenen Vorurteile habe ich als Beispiel für die Ideologiehaftigkeit des Speziesismus angeführt: Nichtmenschliche Tiere besitzen keine Intelligenz. Es gibt jedoch eine Vielzahl weiterer Stigmata, die allen anderen Spezies „menschliche“ Eigenschaften absprechen. Oft aufgeführt wird das Fehlen von Bewusstsein, Individualität, Schmerzempfinden, Leidensfähigkeit, Emotionalität, Sozialleben, Sprache oder Moral bei „Tieren“. Mit diesen falschen oder verfälschten Wissensbeständen, die auch keinesfalls den heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechen, wird nichtmenschlichen Tieren die Wertigkeit genommen, welche sie vor ihrer Ausbeutung schützen könnte. Sie werden durch gegenseitige Täuschungen (hier ist Täuschung als Verbreiten verzerrter Vorstellungen gemeint) zwischen den Gesellschaftsmitgliedern und durch Täuschungen seitens der speziesistischen Wirtschaft, sowie durch die eigene Selbsttäuschung wechselseitig reproduziert. Der Speziesismus legitimiert die direkten Verantwortlichen für Tiermord und Tierausbeutung und die KonsumentInnen, welche davon profitieren. Beide Seiten können ein reines Gewissen haben. Solange die Ideologie die wirklichen Tatsachen verschleiert.
Die Starrheit des Speziesismus zeigt seine gesellschaftliche Allgegenwart und tiefe Verinnerlichung durch die Individuen. Die speziesistischen Grundnahme zu erschüttern oder gar aufzulösen und dann Handlungswirksamkeit zu erreichen, erscheint in nahezu allen Fällen vergeblich. Dabei ist vor allem die innere Widersprüchlichkeit verwunderlich. Zumindest viele Hunde- oder Katzen-„BesitzerInnen“ sind sich durchaus darüber klar, dass ihre Lieblinge alle genannten Eigenschaften im gewissen Umfang besitzen. Wer würde abstreiten, dass seine Tiere Individualität besitzen, wenn sie sich doch in ihrem Verhalten unterscheiden, selber wissen, wo ihr Lieblingsplatz ist, was sie lieber essen oder wann sie Zuneigung haben wollen? Diese Erfahrung hindert aber fast niemanden daran, andere Tiere für menschliche Bedürfnisse zu quälen und zu töten. Die Ausbeutung von sogenannten Nutztieren kann trotzdem mit den stereotypen Stigmatisierungen der fehlenden menschlichen Eigenschaften legitimiert werden. Der Widerspruch, das eine Tier zu lieben und das andere, gleich intelligente Tier zu töten, wird ausgeblendet. Auch die Erkenntnisse der Naturwissenschaften werden ausgeblendet, damit alte Glaubensvorstellungen bestehen bleiben können und die Vorteile des Speziesismus weiter genossen werden können. Dabei haben gerade diese Wissenschaften in unserer Gesellschaft einen – oft unreflektiert – hohen und möglicherweise unverhältnismäßigen Stellenwert. Diverse biologische Erkenntnisse haben lange gezeigt, dass auch andere Spezies durchaus, in unterschiedlicher Ausprägung, diese „menschlichen„ Eigenschaften besitzen. Das Vorhandensein von Schmerzempfindungsvermögen kann für die meisten Tiere nicht mehr abgestritten werden. Da wir mit Hilfe neuro- und verhaltensbiologischer Methoden jetzt auch „in die Köpfe“ sehen können, wissen wir inzwischen auch, dass andere Spezies durchaus mit ähnlichen Prozessen im Gehirn reagieren. Somit ist klar, dass auch andere Tiere ihre Eindrücke ähnlich interpretieren. Die alten Vorstellungen treffen vielleicht noch auf Insekten oder vergleichbar weit entwickelte Tiere zu, jedoch sicher nicht auf Kühe, Schweine, Hühner etc. Auch die wissenschaftliche Widerlegung der Ideologeme kann sie nicht auflösen. Der Speziesismus steckt bei vielen zu tief und ist gesellschaftlich so hegemonial, als dass die wenigen antispeziesistischen Einflüsse ihn auflösen könnten.
Obwohl ich hier nur wenige ideologische Facetten und speziesistische Verzerrungen darstellen konnte, sollte eine grobe Richtung erkennbar sein, in die eine tierbefreiende Kritik zielt. Alte Vorstellungen darüber, wie „Tiere“ sind, werden über ein gesellschaftliches Tier-Bild und eine institutionelle Entwertung und Verwertung gefestigt und bestätigen sich wechselseitig mit selektiv wahrgenommen Eindrücken von „Tieren“. Widersprechende Eindrücke werden durch die Täuschung gesellschaftlich hegemonialer Trugbilder und Selbsttäuschung mittels der verinnerlichten Bilder ausgeblendet. Dies schützt viele SpeziesistInnen davor, andere Tiere als empfindungsfähige und intelligente Lebewesen wahrzunehmen und den gewalttätigen Umgang mit ihnen zu ändern, sowie dem damit verbundenen Umdenken und Umgewöhnen.