Wann ist das Tier ein Mensch? Teil III: An den Quellen des Anthropozentrismus: Die Geschichte(n) der Mensch-Tier-Beziehung

Während wir im ersten Teil unseres mehrteiligen Features „Wann ist das Tier ein Mensch?“ eine philosophische Betrachtung des Mensch-Tier-Verhätnisses erarbeitet haben stand der zweite Teil im Fokus naturwissenschaftlicher Interpretationen zur Differenz zwischen Mensch und Tier und der allgemein gesellschaftswissenschaftlichen Frage, wann welche Erkenntnisse wie in der Gesellschaft reflektiert werden. Im dritten Teil nun richten wir den Blick zurück und fragen uns wie das Verhältnis des Menschen zur nicht-menschlichen Tierwelt in vergangenen Epochen ausgesehen haben mag.

Wie auch schon in den vorherigen Beiträgen ist es – allein aus Zeitgründen – leider nicht möglich eine vollständige Darstellung der vielfältigen Zusammenhänge und Verflechtungen wiederzugeben, geschweige denn dass es zur Verständlichkeit beitrüge. Aus diesem Grunde werden wir nur die europäische Geschichte ins Auge fassen und den Fokus auch nur auf die Zeit vom Mittelalter bis zum späten 18. Jahrhundert. Dieses Unterfangen dient einem groben Überblick, soll Anregung zum weiterlesen und – denken sein und erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit.

Auch wenn in vielerlei Gegenwartsmythen auf eine vergangene Gesellschaft referiert wird, die in paradiesischem Einklang von menschlichem und nichtmenschlichem Tier, mit Flora und Fauna gelebt haben soll, sind ernsthafte und nachprüfbare Beweise für diese Behauptung bisher noch nicht erbracht worden. Zwar haben sich innerhalb verschiedenster Kulturen immer wieder diverse Subgruppen herausgebildet, die sich der vorherrschenden Praxis der Jagd, Unterjochung und Ausbeutung nicht-menschlicher Tiere widersetzten, eine ethisch-pragmatische, in den meisten Fällen aber religiös motivierte Lebenshaltung ausbildeten und versuchten Alternativen zu leben. Hierzu gehören zum Bsp. der in Indien beheimatete Jainismus aber auch frühchristliche Bewegungen, die eine vegetarische Ernährung propagierten.

Peter Dinzelbacher, emeritierter Professor für Sozial- und Mentalitätsgeschichte, dessen Untersuchungen die Basis dieses Features bilden, geht aber davon aus, dass „das primäre Verhalten des Menschen gegenüber seinen Mitgeschöpfen stets eines mit dem Bestreben nach Dienstbarmachung für menschliche Bedürfnisse war.“
Dies zeigt sich am frühesten und am deutlichsten in der Geschichte der Jagd, die über alle Epochen hinweg als eine Schule für den Kampf und das Töten galt, aber auch ein Übungsfeld für erfolgsorientierte soziale Interaktion war. Jagd und Krieg stehen im Sinne einer synchronen Entwicklung auch immer in einem dynamischen Zusammenhang und Austausch was die Verwendung und Entwicklung von Waffen, Techniken und Strategien betrifft. Zum Bsp. wurden Feuerwaffen in erster Linie für kriegerische Einsätze entwickelt, sie fanden aber schnell auch Verwendung bei der Tötung von Wildtieren.

Mit der Intensivierung des Ackerbaus im 11. bis 13. Jahrhundert wurde die Jagd und der Verzehr ermordeter Tiere mehr und mehr ein Privileg des Adels.
Auch hinsichtlich der Ernährung hält sich in der gegenwärtigen populären Rezeption des Mittelalters ein, die Lebenswirklichkeit der meisten Menschen dieser Epoche verzerrender Mythos: Während auf den einschlägigen Mittelaltermärkten, bei sog. Ritteressen und allgemein in medialer Darstellung das Bild einer sich überwiegend von Fleisch ernährenden Gesellschaft gezeichnet wird, zeigen ernsthafte mediävistische Forschungsbemühungen, dass der Fleischverzehr in Mittelalter und früher Neuzeit einer statistisch sehr kleinen Oberschicht vorbehalten war. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung ernährte sich von Getreide, Gemüse, nur in geringen Mengen von Milchprodukten und nur zu wenigen Anlässen von getöteten Tieren.

Die in der frühen Neuzeit allein dem Adel vorbehaltene Jagd als Privileg weit über den Bedarf hinaus Tiere zu töten, wird zu einer Demonstration des sozialen Ranges und wirkt unter Umkehrung der Vorzeichen bis in die heutige Zeit nach. Der Fleischkonsum ist in modernen Gesellschaften zwar selbstverständlich und kein Privileg einer reichen Elite – im Gegenteil wohlhabende Bevölkerungsschichten verzehren heute weniger Fleisch – , dennoch konnte der gegenwärtige Status Quo des Fleischverzehrs mit einem Verbrauch in den Industrieländern von 88 kg pro Kopf und Jahr nur dadurch erzielt werden, dass das Produkt Fleisch als ein privilegiertes Lebensmittel propagiert und dargestellt wurde.

Dennoch entwickelte sich mit Beginn des Ackerbaus auch die Viehzucht und Haustierhaltung: sogenanntes Kleinvieh wurde nicht nur auf dem Land sondern auch von BügerInnen in der Stadt gehalten.
Die Symbiose zwischen Mensch und nichtmenschlichem dmoestizierten Tier kann als sehr intensiv beschrieben werden: Mensch und nichtmenschliche Tiere lebten zusammen unter einem Dach in der Stube. Allgemein war der öffentliche Raum viel stärker als heute von nichtmenschlichen Tieren geprägt. So sieht man auf vielen Bildern von Kircheninnenräumen der Renaissance Hunde frei im Sakralbau herumrennen.
Auch entwickelte sich im Mittelalter schon eine gezielte Zucht von leistungsfähigen Rassen. Maßgeblich beteiligt an dieser Entwicklung waren die christlichen Klöster, die sich vor allem in der Karpfen und Kaninchenzucht hervortaten.

Zwar mag das Zusammenleben von Mensch und nichtmenschlichem Tier nicht einer völligen Ausnutzung und Verwertung entsprochen haben, da mensch ja von deren Leistungsfähigkeit und Gesundheit abhing, aber die menschlichen Unterwerfungspraktiken der Domestikation und Zucht spiegelten sich doch und in sehr drastischer Weise in der sprichwörtlichen Unterjochung jener nichtmenschlichen Tiere wider, denen Arbeit aufgelastet werden konnte. Bei Ochsen und Pferden, die vor den Pflug gespannt wurden, kamen jahrhundertelang Joche zum Einsatz, die ergologisch ungünstig waren und den Individuen auch sinnlose Anstrengung und Schmerzen bereiteten.

Wie wenig partnerschaftlich die Mensch-Tier-Beziehung im Mittelalter gewesen sein mag, lässt sich am eindrücklichsten an der damaligen Situation der Reitpferde verdeutlichen. Seit der Karolingerzeit bis zur Renaissance wurden Kämpfe vorwiegend zu Pferd ausgefochten und Pferde blieben bis zum 1. Weltkrieg fester Bestandteil des Militärs.
Pferde waren nicht – wie häufig dargestellt – Partner des kämpfenden Ritters, sondern sein Nutzobjekt, dass ihm nicht mehr galt als seine Waffen. Die Grausamkeiten die den Pferden auf und auch ausserhalb des Schlachtfelds zu teil wurden lassen sich kaum beschreiben. Exemplarisch für den Stellenwert der Pferde sei auf einen dokumentierten Vorfall im 12. Jahrhundert verwiesen, bei dem einTeilnehmer eines Adelstreffens „aus Angeberei“ 30 seiner Pferde in aller Öffentlichkeit lebendig verbrannte. Tod und Verstümmelung von Reitpferden auf dem Schlachtfeld waren eine Selbstverständlichkeit.

Bis zur Industrialisierung wurden nichtmenschliche Tiere in verschiedensten schweren bis schwersten Arbeiten für den Menschen eingesetzt. Hunde wurden unter Tage vor die Förderwagen gespannt, Pferde in der ewigen Eintönigkeit eines Kreisrunds zum Antrieb von Mühlrädern eingesetzt.

Auch die Medizin des Mittelalters nutzte nichtmenschliche Tiere ohne jegliche Skrupel. Hervorgetan hat sich hier auch die die als heilig bezeichnete Hildegard von Bingen (deren als göttliche Offenbarungen bezeichnete naturkundlichen Erkenntnisse nachweislich den Werken früherer Autoren entnommen waren). Diese empfahl zur Behandlung des Wecheselfiebers beim Menschen, einer Maus einen Schlag zu versetzen und sie dann zwischen die Schultern des Patienten zu binden bis sie stirbt.

Den ideologischen Überbau für das häufig als natürlich bezeichnete Machtgefüge zwischen Mensch und nichtmenschlichem Tier lieferten in Alteuropa die Vorgaben der christlichen Religion. Die christlichen Denker der Zeit beriefen sich auf biblische Zitate nach denen Schweine als grundsätzlich boshaft beschrieben werden oder dass sich Gott, nach Aussagen des Apostels, keineswegs um Tiere kümmere. Wie wenig sich die Kirche auf einen schützenden und wertschätzenden Umgang mit der sogenannten Kreatur stützen kann beweist schon die Tatsache, dass der heilig gesprochene Papst Pius IX. (1846-1878) ein Verbot gegen die Gründung eines Tierschutzvereins aussprach.

Die Stellung des nichtmenschlichen Tieres im römischen Recht als res, als Sache ist ein juridischer Ausdruck dessen Nachwirkungen über das Mittelalter bis in die Gegenwart zu einer Grundeinstellung des europäischen Menschen geführt haben mag, andere als menschliche Lebewesen, gegen jegliche Vernunft, als fühllose Objekte zu behandeln.

Tierquälerei war auch in der mittelalterlichen Gesellschaft ein weit verbreitetes Vergnügen: Skandinavier hetzten ihre Pferde in blutigen Kämpfen aufeinander, in England war der Hahnen- und der Hundekampf beliebt, spezialisierte Kampfhunde wurden gegen Stiere und Bären gehetzt und in Frankreich pflegte man Katzenmassaker als Brauchtum.

Tierliebe als ein alltägliches Phänomen hat es im Mittelalter den vorhandenen Quellen nach, nicht gegeben. Dennoch wurde im Mittelalter das Mitleid für andere Lebewesen als Zeichen der Heiligkeit angesehen und damit zu einem Ausnahmephänomen stilisiert.

Alle Kulturen zeichnet aus, dass sie die Tierwelt als eine Projektionsfläche für menschliche Verhaltensweisen, Ängste und Wünsche gebrauchen. Tiere wurden, vor allem in polytheistischen Religionen als Erscheinungsformen einer Gottheit verehrt.
Andererseits waren Opferrituale weitverbreitet. Zwar wurden solche Rituale durch die Christianisierung Europas unterdrückt und obwohl der neue Glaube auf dem Verbot aller anderen Götter fußte, blieben doch Reste theriomorpher Vorstellungen erhalten.
Der heilige Geist erscheint als Taube, Jesus als Lamm, die Evangelisten als Tiere und Dämonen erscheinen in Tiergestalt. Nicht nur die Höllenbilder eines Hieronymus Bosch sind voll davon.

Auch die Vorstellung Mensch und Tier könnten sich – im Sinne von Zwischenwesen vermischen, war – im frühen Mittelalter noch tabuisiert, seit dem 12. Jahrhundert eine häufig in verschiedensten Quellen zu findende Vorstellung, vor allem in der Buchmalerei und in der Bauplastik. In der Literatur war es die hochmittelalterliche Tierdichtung, die Fabel, in denen die Tiere die verschiedensten Laster und Fehlbarkeiten menschlichen Verhaltens widerspiegelten.

Eine aus heutiger Sicht seltsame Projektion menschlicher Eigenschaften auf Tiere sind die zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert abgehaltenen Tierprozesse. Dies waren völlig ernst gemeinte Verfahren vor weltlichen und geistlichen Gerichten. Erstere behandelten die Vergehen von Haus- und Nutztieren und letztere ahndeten Schädlinge mittels des Kirchenbanns. Schweine die ein Wickelkind gefressen hatten wurden zum Tode verurteilt, Mäuse die Flurschäden verursachten mit bestimmter Fristsetzung der Umzug auf ein unbebautes Grundstück geboten.
Während das nichtmenschliche Tier also im Alltag kein Träger von Rechten war, konnte es im Prozess als Rechtspersönlichkeit allein die Position des Angeklagten einnehmen.

Mit dem Zeitalter des Rationalismus entwickelte sich ein anderes aber in seinen Konsequenzen nicht weniger katastrophales Bild von nichtmenschlichen Tieren. Die Bet rachtung des menschlichen Körpers als Maschine – l’homme machine war der programmatische Titel eines 1748 erschienenen Buches des Arztes Julien de La Mettrie – führte dazu, dass mit Ausnahme des Menschen, dem ja nach Descartes als einzigem Lebewesen der Zugang zur göttlichen Sphäre möglich sei – allen Lebewesen eine völlig unbeteiligte Haltung gegenüber deren Schmerzen entgegengebracht wurde. Schmerzgeheul wurde als das Quietschen schlecht arbeitender Maschinenteile verharmlost. Sadistisches Handeln als wissenschaftliche Experimente legitimiert (die aber in Sachen Grausamkeit von vielen Tierversuchen in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts noch überboten wurden.
Immanuel Kant verurteilte die Grausamkeiten an Tieren, jedoch aus einer durch und durch anthropozentrischen Sichtweise: Der Mensch würde durch die Grausamkeiten gegenüber seinen Artgenossen abgestumpft und zu unmoralischem Verhalten neigen.

Mit Descartes und Immanuel Kant, schließt sich der Kreis der Betrachtungen wieder und wir kehren an den Ausgangspunkt unserer Überlegungen zurück. Die Frage „wann ist das Tier ein Mensch“ kann aus der historischen Perspektive mit dem Resümmee beantwortet werden, dass der Rückblick in andere Epochen nur ein weiterer Beweis dafür ist wie der Anthropozentrismus spätestens seit Beginn der Domestikation und wie sich aus kulturanthropologischen Studien nachweisen lässt, auch früher schon zu einer Konstante menschlicher Kognition entwickelt hat, die nur mühsam und unter Einbeziehung aller relevanten Subsysteme der modernen Gesellschaft dekonstruiert und marginalisiert werden kann.

Literatur:
Balluch, M. (2006). Recht auf Autonomie statt Pflicht zur Leidensminimierung. Kritik an Konsequentialismus und Pathozentrismus, 1-6.

Balluch, Martin (2005): Die Kontinuität von Bewusstsein, Wien und Mühlheim a.d. Ruhr: Guthmann und Peterson
Damasio, A. (2004): Descartes Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. List: München
Derrida, Jacques (2010): Das Tier, das ich also bin, Wien, Passagen