Will Potter arbeitet als freier Journalist in Washington DC. In seinen Buch „Green is the New Red“ legt er den Schwerpunkt auf den sogenannten „Öko-Terrorismus“ und richtet hier seinen Blick auf den „Kampf gegen den Terrorismus“ innerhalb der Grenzen der Vereinigten Staaten von Amerika. Er untersucht die Entstehung des Begriffs „Öko-Terrorismus“ am Beispiel der Animal Liberation Front (ALF), der Earth Liberation Front (ELF) und der Stopp Huntingdon Animal Cruelty (SHAC) . Er deckt auf, auf welch alarmierendem Wege die US-Regierung versucht, gewaltlosen Tierrechts- und Umweltaktivismus zu unterdrücken. In skrupelloser Weise wird die Definiton „Öko-Terrorismus“ als Rechtfertigung für drastische Formen staatlicher Repressionsmaßnahmen verwendet. Sachbeschädigungen und Befreiungen von Individuen aus Käfigen, sowie selbst Akte des zivilen Ungehorsams werden nach und nach als Terrorismus diffamiert. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Verschärfung der Gesetzgebung: Im Zuge der „Antiterror“ –Gesetze nach den Anschlägen des 11.Septembers 2001 wurde auf abstruse Weise Tierrechts- und Umweltaktivismus in den Kontext des „Krieg gegen den Terrorismus“ gestellt. Im November 2006 verschärften sich die Repressionsmaßnamen gegenüber Tierrechtsaktivist_innen unter George W. Bush durch den Animal Enterprise Terrorism Act (ein Gesetz zum Schutz von Tiernutzungsbetrieben).
Ein Zitat vom stellvertretenden Direktor und Leiter der Abteilung für Terrorismus im Inland des US-amerikanischen Federal Bureau of Investigation (FBI) John Lewis. „Die größte terroristische Bedrohung im Inland, ist die ökoterroristische Tierrechtsbewegung. Es gibt nichts und niemanden in unserem Land wie diesen spezifischen Terrorismus, der in den vergangenen Jahren eine solch hohe Zahl von Gewaltverbrechen, terroristischen Aktionen, Brandstiftungen usw. begangen hat.“ Der hochrangige FBI-Offizielle meinte damit im Jahr 2005 zum einen Gruppen wie die Earth Liberation Front (ELF), Earth First! (EF) und die Animal Liberation Front (ALF). Sie zerstörten seit Mitte der 1980er Jahre mit Sabotageakten, Brandstiftungen und anderen Mitteln Tierversuchslabore, befreiten Tiere von Pelzfarmen, hinderten Unternehmen mit illegalisierten Methoden daran, Redwood-Bäume zu fällen oder genetisch manipulierte Pflanzen anzubauen, ohne jemals Menschen oder nichtmenschliche Tiere dabei zu verletzen. Lewis sprach aber zum anderen auch über Organisationen wie zum Beispiel Stop Huntingdon Animal Cruelty (SHAC) oder Mainstreamorganisationen wie die Humane Society und Greenpeace. SHAC betreibt mit friedlichen Mitteln seit 1999 eine erfolgreiche globale Kampagne gegen eines der größten Tierversuchslabore der Welt, Huntingdon Life Sciences (HLS), sie erreichten u.a., dass HLS nicht mehr an der New Yorker Börse vertreten ist, auch weil immer mehr Unternehmen ihren Vertrag aufkündigten.
Gegen diese Gruppen macht die US-Regierung auf allen Ebenen mobil, seitdem das FBI 1987 erstmals eine Aktion der Tierbefreiungsbewegung als „Terrorismus im Inland“ einstufte.
Angesichts des so genannten Klimawandels, der atomaren Katastrophe im japanischen Fukushima und der industriellen Ermordung von Millionen Tieren pro Jahr erscheint es als zutiefst irrational, gerade die Umwelt- und Tierbefreiungsbewegung, also jene, die sich seit Jahrzehnten gegen Atomkraftwerke oder die systematische Vernichtung der Wälder und für die Befreiung nichtmenschlicher Tiere einsetzen, zu Terroristen zu erklären und ihre Politik zu kriminalisieren.
Bei Potter heißt es: „Manchmal sind bewaffnete Revolutionäre Terroristen, manchmal sind sie Freiheitskämpfer. Es kommt nur auf die Auslegung der Herrschenden an.“ Diese Erkenntnis zusätzlich zeitgeschichtlich und politisch einordnend fährt Potter fort: „Indem Tierbefreiungsaktivisten als Terroristen ins Visier genommen werden, wird ein Präzedenzfall geschaffen, der auch gegen andere soziale Bewegungen benutzt werden kann.“
Potter schlussfolgert aus den zahlreichen Dokumenten der Regierungsbehörden, die er untersucht hat, dass (Zitat) „Öko-Terroristen nicht Menschen, sondern Profite bedrohen. Die Tierrechts- und die Umweltbewegung sind mehr als andere soziale Bewegungen eine direkte Bedrohung für die Interessen der Konzerne.“
Trotz aller Parteinahme für die Befreiung der Tiere und die Versöhnung von Gesellschaft und Natur glorifiziert Will Potter diese Bewegungen nicht. Er verschweigt nicht die Fehler von radikalen und sich bisweilen in pathetischer Kampfrhetorik verlierenden Bewegungen, die zum Beispiel Infiltrationen durch Geheimdienste, die Kooperation mit den Repressionsorganen und die Auslieferung ehemaliger politischer Weggefährten ermöglichen, wenn ihre – häufig jungen, politisch ungeschulten und idealistischen – Aktivisten direkt von Staatsanwaltschaft, FBI oder Gerichten unter Druck gesetzt werden.
Insgesamt hinterlässt Potter eine Anatomie der modernen Demokratie auf ihrem Weg zur Selbstzerstörung. Ein Plädoyer für vielfältigen Protest und Widerstand gegen ein System, in dem Tiere und die Natur immer noch auf der Schattenseite der Zivilisation keine Bedeutung finden und allein für den Fortschritt der kapitalistischen Produktionsweise mit ihrem Leben und ihrer Vernichtung büßen.
Ein wichtiges Buch mit schockierenden Details zur Frage, was staatliche Organe zu tun bereit sind um kritische Stimmen zu ersticken. Uneingeschränkt empfehlenswert für alle Menschen, die in sozialen und Umweltbewegungen aktiv ist.
Auch ihr habt die Möglichkeit Will Potter an seinem Vortrag und der Buchvorstellung teilzunehmen. Die Veranstaltung findet am 08.06.12, 18:30 Uhr, im Hörsal 1098 der Universität Freiburg statt. Der Vortrag wird in englischer Sprache geführt, kann aber bei Bedarf auch teilweise oder durchgehend übersetzt werden.

Quellen:
- Chistof Mackinger, Birgit Pack: 278a Gemeint sind wir alle (Politische Repression in den Vereinignten Staaten) S.343 ff
– Christian Stache: Tierbefreiung, Heft 71, Juli 2011 S.76 – http://www.greenisthenewred.com/blog

Kritik (übernommen aus Tierbefreier)
Erst auf den letzten Seiten des Buches bietet Potter Anknüpfungspunkte für Kritik an seiner sonst scharfsinnigen Analyse. Er konzeptionalisiert den offiziellen Antiterrorkampf gegen die Tierrechts- und Umweltbewegung als „Krieg der Kulturen, Krieg der Werte“ und klassifiziert die beiden Bewegungen aufgrund ihrer theoretisch-philosophischen Provenienz als Statthalter der Anthropozentrismuskritik. Das ist zwar beides nicht gänzlich falsch, aber auch nur zum Teil richtig.Natürlich tritt zum Beispiel die Tierrechtsbewegung für eine andere kulturelle Lebensweise ein. Sie konfrontiert auch die Freiheit des Unternehmers mit der Unfreiheit der Individuen. Aber dies sind nicht die Gründe für die schlaflosen Nächte der Manager von HLS – oder Kleider Bauer. Potter lässt sich vom ideologischen Gerede des politischen Gegners ein klein wenig blenden, wenn er dessen Anschuldigungen positiv im Sinne der Bewegungen wendet. Die Kulturindustrie hat im Zuge der neoliberalen Modernisierung des Kapitalismus durch die Integration der abweichenden Werte und Lebensstile der Post-68er in die Warenwelt triumphiert. Sie hat diese Abweichungen ihres emanzipatorischen Gehalts beraubt. Wenn Potter annimmt, eine grüne Alternativkultur sei das Problem für die US-Holzindustrie, dann rückt er von einer historisch-materialistischen Erklärung für die Reaktion von Staat und Ökonomie auf die Politik der Tierrechts- und Ökologiebewegung ein stückweit ab, obwohl seine Darstellung eigentlich eine andere Schlussfolgerung zulässt.Dass die Tierrechts- und die Ökologiebewegung ihren Teil zur Kritik des Anthropozentrismus im westlichen Denken beigesteuert hat, ist unbestritten. Dennoch geht die Interpretation, sie hätten sich zum Beispiel durch die Arbeiten von Peter Singer oder Arne Naess in diesem Punkt im Vergleich zu anderen sozialen Bewegungen besonders profiliert, ebenso an den historischen Tatsachen vorbei wie die Behauptung, Speziesismus habe das Handeln der Menschen tausende Jahre lang angeleitet.
Für Menschen mit politischem Bewusstsein gibt es nichtsdestotrotz allerlei gute Gründe, das Buch mit der angemessenen Ernsthaftigkeit zur Kenntnis zu nehmen und die Parallelen zwischen den US-Entwicklungen und europäischen anzuerkennen. Beispielsweise weist die größte Repressionswelle gegen die Umweltbewegung in den USA, die „Operation Backfire“ – deren systematische Entfaltung holzschnittartig nachgezeichnet wird –, frappierende Analogien zur aktuellen Kriminalisierung der österreichischen Tierrechtsbewegung auf.